
Mit dem designierten Wechsel an der Spitze der Audi-Gestaltung stellt der Hersteller die kreativen Weichen für die kommenden Jahre neu. Zum 1. Juni übernimmt Massimo Frascella die Leitung von Audi Design und folgt damit planmäßig auf Marc Lichte, der innerhalb des Konzerns neue Aufgaben übernimmt. Frascella bringt eine internationale Handschrift mit: Ausgebildet am Istituto d’Arte Applicata & Design in Turin, sammelte er frühe Erfahrungen bei Stile Bertone, wechselte anschließend zur Ford Motor Company und zu Kia, bevor er ab 2011 bei Jaguar Land Rover zunehmend Verantwortung übernahm – zuletzt als übergreifender Designchef für beide Marken. Dieses Profil aus italienischer Formkultur, Großserien-Erfahrung und britischer Premium-DNA macht ihn zu einer spannenden Besetzung für Ingolstadt.
Klarheit statt Zierwerk: Frascellas Designverständnis
Frascella steht für eine reduzierte, präzise Formensprache, die auf überflüssige Ornamentik verzichtet und dabei bewusst nicht kurzfristigen Moden hinterherläuft. Sein Anspruch ist, zeitlose Eleganz mit technischer Stringenz zu kombinieren – also Oberflächen, Proportionen und Linien so zu verdichten, dass ein Fahrzeug ohne laute Effekte stark wirkt. Für Audi passt das doppelt: Erstens, weil die Marke seit jeher eine architektonische, klare Designsprache pflegt, und zweitens, weil die Transformation zu neuen Antrieben, Software-Funktionen und vernetzten Innenräumen nach einem visuellen Ordnungsprinzip verlangt. Frascellas Fokus auf Klarheit, Präzision und stimmige Proportionen verspricht, diese technische Komplexität in selbsterklärende, ruhige Formen zu übersetzen – außen wie innen.
„Vorsprung durch Technik“ sichtbar und spürbar machen
Audi verankert das Designressort künftig direkt beim Vorstandsvorsitzenden, um Gestaltung, Markenführung und Technologie enger zu verzahnen. Der Auftrag ist unmissverständlich: Der Markenkern „Vorsprung durch Technik“ soll sich optisch und haptisch in jedem Serienmodell zeigen – vom Einstiegssegment bis zum High-Performance-Modell. Das bedeutet konkret: exakter Licht- und Grafikaufbau (Tagfahrlicht-Signaturen als Markenkennung), präzise Übergänge zwischen Karosserieteilen, reduzierte Fugenbilder, sowie Interieurs, die digitale Funktionen logisch strukturieren statt überfrachten. Erwartbar ist, dass Materialwahl, Bedienlogik und UI/UX-Design stärker als Gesamterlebnis gedacht werden: Ein Innenraum, der Ruhe ausstrahlt, klare Hierarchien setzt und trotzdem emotional anspricht – ein Feld, in dem Frascella zuletzt umfangreiche Erfahrung gesammelt hat.
Konsequenzen für künftige Audi-Modelle
Mit neuen Elektrik/Elektronik-Architekturen, Software-Features „over the air“ und der nächsten E-Mobilitäts-Welle verschieben sich die gestalterischen Ankerpunkte: Weniger Kühlluftbedarf vorn schafft Freiräume für präzise Frontgrafiken, die Aero-Effizienz rückt noch stärker in den Fokus, und die Batterieverpackung beeinflusst Proportionen (Radstand, Überhänge, Hüftlinie). Frascellas reduktiver Ansatz könnte zu noch ruhigeren Flächen, schärfer gezogenen Lichtkanten und klaren Volumenübergängen führen – mit charakterstarken, aber nicht verspielt wirkenden Details. Innen dürfte die Bedienarchitektur stärker nach Funktionsebenen gegliedert sein: wenige, hochwertige Interaktionspunkte, stimmige Haptik, konsistente Animationen, nächste Stufe ambienter Lichtinszenierung
Staffelstab annehmen: Was bleibt von Marc Lichte – und was kommt neu?
Seit 2014 hat Marc Lichte die Audiform geprägt: vom weiten Modell-Update bis zu den ersten eigenständigen E-Baureihen wie Audi e-tron, e-tron GT und Q4 e-tron. Seine Ära stand für Breitenwirkung (Serien-Bestseller) und die erste Evolutionsstufe des Elektro-Designs bei Audi. Frascella übernimmt damit kein Vakuum, sondern ein stark vorbereitetes Feld. Die Aufgabe ist nun, die nächste „Schärfung“ der Audi-Identität vorzunehmen: eine emotionalere, unverwechselbare Formensprache, die die Marke über alle Segmente hinweg sofort erkennbar macht – und zwar in einer Zeit, in der viele Hersteller technisch konvergieren. Erwartbar sind markantere, aber disziplinierte Signaturen, mutige Proportionen und Interieurs, die weniger Oberfläche, mehr System bieten.
Was das für Kundinnen und Kunden bedeutet
Kurzfristig bleibt die Pipeline, die unter Lichte angestoßen wurde, relevant; mittelfristig werden Modelle mit spürbar neuem Ausdruck folgen. Für Kundinnen und Kunden heißt das: höhere Differenzierung innerhalb der Baureihen, prägnante Lichtgrafiken, ruhigeres Oberflächenspiel und durchdachte Bedienkonzepte, die Komplexität reduzieren statt erhöhen. Wer Audi wählt, könnte die Marke künftig noch klarer an „präziser Zurückhaltung“ erkennen – nicht laut, aber extrem sauber in der Ausführung.
Fazit: Neue Handschrift, vertrauter Anspruch
Mit Massimo Frascella stellt Audi den Anspruch auf technischen Vorsprung gestalterisch neu auf. Sein Credo der einfachen, zeitlosen Ästhetik passt zur Marke – und gibt ihr zugleich die Chance, in der zweiten E-Design-Generation visuell eindeutiger und emotionaler aufzutreten. Die organisatorische Aufwertung des Designs und der klare Fokus des Vorstands sind ein Signal: Bei Audi wird Form nicht Dekor sein, sondern präzise Übersetzung von Technik in Identität.


